Wissenswertes

Begründung des Neuaufnahmestopps von Patienten
Ergänzung zur Patienteninformation April 2014-04-21

Täglich suchen bis zu 140 Patienten Hilfe in unserer Praxis – darunter bis zu 50 akut Erkrankte.
Allein im I. Quartal 2014 haben sich über 200 Patienten neu in unserer Praxis angemeldet. Wir öffnen für Sie meist vor 7.30 Uhr, das Wort Mittagspause kennen wir schon lange nicht mehr, und vor 19.30 Uhr ist die Sprechstunde nicht zu Ende. Unsere ausgewiesene Sprechstundenzeit überschreiten wir täglich um bis zu 4 Stunden. Für Arzt und mindestens eine medizinische Fachangestellte bedeutet das oft 12 Stunden Arbeit im Akkord.
Bei solcher Belastung ist es unmöglich, unserem eigenen außerordentlich  hohen Qualitätsanspruch immer gerecht zu werden. Wartezeiten auch bis zu 3 Stunden sind kein Organisationsverschulden unsererseits, sondern einfache Folge dieser extrem hohen Patientenzahl.
In jedem Quartal behandeln wir deutlich mehr Patienten, als uns von den Krankenkassen und der Kassenärztlichen Vereinigung gestattet werden. Höhepunkt war das Quartal I/2014 mit 1650 Scheinen. Wir überschreiten unsere fiktive Quartalsarbeitszeit von 780 Stunden regelmäßig sehr deutlich. Dies hat Prüfungen und Stellungnahmen zur Plausibilität zur Folge. Unser letzter Freispruch war nur noch zweiter Klasse. Niemand von uns ist jedoch bereit, für zu viel ehrlich geleistete Arbeit auch noch bestraft zu werden und dann eventuell Honorar zurückzahlen zu müssen.

Seit Oktober 2013 hat sich die Situation verschärft. Seitdem gilt in der Bundesrepublik Deutschland der neue EBM (Einheitlicher Bewertungsmaßstab, gültig für gesetzliche Krankenkassen). Falls Sie einige dort festgelegte Preise interessieren:
– Für einen Überweisungspatienten gibt es im Durchschnitt 8 Euro zuzüglich z. B. für eine manuelle Therapie 7,19 Euro oder eine Ergometrie 20 Euro. Frequentiert ein Überweisungspatient die Praxis z.B. 4x, bleibt noch ein Kontaktgeld von 2 EUR für hochqualifizierte ärztliche Tätigkeit.
– Für unsere Hausarztpatienten sieht der Rechnungsweg kaum besser aus. Die Grundpauschale für einen Patienten zwischen 55. und 75. Lebensjahr beträgt 15,70 Euro plus Bereitstellungspauschale der Praxis von 14 Euro, bei kontinuierlicher Betreuung über alle Quartale und chronischer Erkrankung addieren sich nochmals 13,17 EUR bzw. 15,10 EUR.
Mit 2 Kontakten pro Quartal haben wir dann keine weitere abrechenbare Leistung, außer eventuell Psychosomatik, Manuelle Therapie oder Vorsorge. Erbringen wir bei Ihnen im betreffenden Quartal eine Akupunktur oder eine qualifizierte Injektionstherapie, halbiert sich die Grundpauschale, und die Bereitstellungspauschale entfällt sogar komplett, da ich jetzt wegen dieser Leistungen „atypischer Hausarzt“ bin.

Für ein problemorientiertes ärztliches Gespräch im Zusammenhang mit lebensverändernder Erkrankung, Mindestdauer 10 Minuten, erhalten wir 9,12 Euro. In einer Stunde können wir also maximal als gesamte Praxis 54,72 Euro Honorar erzielen.
Hiervon müssen mehrere Gehälter und die Betriebskosten beglichen werden. Vergleichen Sie dies bitte mit ihren Handwerkerrechnungen.

Zahlreiche Patienten haben inzwischen eine Vollkaskomentalität entwickelt. Kostenbewusstsein ist leider vielen ein Fremdwort, und Achtung vor der Arbeit anderer geht zunehmend verlustig.
In diesem Spannungsfeld ist unsere tägliche Praxisarbeit auch unter dem neuen Patientenrechtegesetz so wie bisher nicht weiter zu erbringen. Infolge des Gesetzes vollzieht sich als Politikgeschenk an den Wähler leider der Wandel vom behandelnden zum dokumentierenden Arzt.
Beschimpfungen gegen unser Praxisteam, die immer wieder vorkommen, sind hier völlig fehl am Platz.

Wir können und wollen nicht so weiter arbeiten wie bisher. Meine eigenen Kräfte und die meines Teams sind limitiert. Keinem ist geholfen, wenn wir Warnsignale überhören, das hochmotivierte Personal hinschmeißt oder aber die Praxis komplett kollabiert.

FAZIT:
Bei Störungen der notwenigen Mitarbeit, beiderseitigem Vertrauensverlust, unberechtigten Forderungen oder Disziplinlosigkeit werden wir uns ab sofort auch von langjährigen Hausarztpatienten trennen.
Wir fordern Hausarztpatienten, die die Praxis unnötig erheblich übermäßig oft frequentieren, auf, sich zurück zu nehmen.

Wir nehmen keinen neuen Patienten mehr auf.

Für Bedauern über unsere Arbeitsfülle und Überlastung können wir uns nichts kaufen. Wir müssen zu unserem Selbstschutz o.g. Maßnahmen ergreifen.

Dr. med. Bodo Seidel und Praxisteam